What’s art got to do with it?

Eine Summer School zu Kunst und kollektiver Erinnerung

22.–28. August 2022 in Bathorn

Ausgehend von der Skulptur Ein Weg durch das Moor (1999) des Schweizer Künstlerduos Peter Fischli und David Weiss, die sich in direkter Nähe zum ehemaligen NS-Strafgefangenenlager Bathorn befindet, sind die Teilnehmenden der Summer School eingeladen, sich mit aktuellen Diskursen zur Erinnerungskultur und ihren möglichen künstlerischen Ausformungen auseinanderzusetzen. In Workshops, Performances, Lesungen und Diskussionen mit Künstler*Innen, Kurator*Innen und lokalen Akteur*Innen sowie in praktischen Arbeitseinsätzen zur Instandhaltung der Skulptur von Fischli & Weiss, soll der Frage „What’s art got to do with it?“ („Was hat Kunst damit zu tun?“) nachgegangen werden. Genauer gesagt, was hat Kunst mit Geschichtsaufarbeitung zu tun und welche Rolle kann, soll oder muss sie im Diskurs um kollektive Erinnerung spielen? In der Summer School wollen wir gemeinsam das Verhältnis zwischen den gesellschaftspolitischen und geschichtswissenschaftlichen Dimensionen der Erinnerungskultur und den kritischen Potenzialen künstlerischer Praxis ausloten.

Peter Fischli und David Weiss – Ein Weg durch das Moor (1999)

Das Schweizer Künstlerduo Peter Fischli (*1952) und David Weiss (*1946–2012) widmet sich in ihren Arbeiten den Banalitäten des Alltags. Auf humorvolle und zugleich philosophische Weise decken die Künstler in kleinteiligen Installationen, Miniaturen und Kurzfilmen scheinbar nebensächliche Mechanismen unseres Zusammenlebens auf. Dabei bleibt kaum ein Material ungenutzt – von Würsten und anderen Essensresten bis hin zu Polyurethan, Gummi, Ton oder Holz. Durch die Verwendung dieser künstlerisch vergleichsweise wertlosen Rohstoffe und Techniken richten sie den Blick der Betrachter*Innen auf das hinlänglich Bekannte, um es dann ad absurdum zu führen. Seit dem Tod von David Weiss setzt Peter Fischli die Arbeit des Duos alleine fort. Der Einladung der Gastkuratoren Harald Szeeman und Zdenek Felix folgend, bauten Fischli & Weiss im Rahmen von „kunstwegen“ 1999 einen 1,2 km langen Steg aus Eichenholz durch das Waldgebiet hinter dem ehemaligen NS-Strafgefangenenlager Bathorn. Der schmale Rundweg läuft auf kein konkretes Ziel zu, zeichnet sich durch eine Vielzahl von Kurven sowie große Höhenunterschiede aus und ist an einigen Stellen lückenhaft. Durch die anspruchsvolle Gestaltung wird eine bewusste und konzentrierte Begehung notwendig. Auf halber Strecke lichtet sich der Wald kurzzeitig und gibt den Blick auf ein heute renaturiertes Torfabbaugebiet frei. Neben der wichtigen Rolle der Natur, auf die sich das Kunstwerk konsequent bezieht, indem ganz bewusst auf langlebige Metallstützen oder einen rutschfesten Belag verzichtet wurde, steht vor allem die Geschichte des Ortes und deren Reflexion im Mittelpunkt. Als stiller Begegnungsort bietet die Skulptur die Möglichkeit, die Geschichte der lokalen „Emslandlager“ und der dort internierten Gefangenen zu gedenken. Gleichzeitig lässt sie sich als bildhafter Verweis auf nicht-lineare und stets unvollständige Prozesse kollektiven Erinnerns lesen.

Das offene Museum „kunstwegen“ wurde im Jahr 2000 als grenzübergreifendes Projekt zwischen den Niederlanden und Deutschland eröffnet. Auf einer Strecke von über 180 Kilometern befinden sich derzeit mehr als 80 Skulpturen von internationalen Künstler*Innen. Aufgestellt entlang der Vechte, einem vom deutschen Münsterland bis zum niederländischen Ijsselmeer verlaufenden Fluss, verbinden die Skulpturen und Installationen die Grenzregionen. Die Kunstwerke gehen einen engen Dialog mit den örtlichen Gegebenheiten ein, indem sie Naturphänomene, regionale Eigenheiten und historische Ereignisse aufgreifen.

Der Ort und seine Geschichte

Zwischen 1933  und 1945 wurden im Gebiet des heutigen Emsland und der Grafschaft Bentheim insgesamt 15 sogenannte „Emslandlager“ von den Nationalsozialisten errichtet und betrieben. Sie waren Teil des groß angelegten Projekts der „inneren Kolonisierung“, das die als rückständig geltende Gegend zu einer wirtschaftlichen Vorzeigeregion machen und Platz für Siedler aus den Ostgebieten des Reiches schaffen sollte. In den Konzentrations-, Straf- und Kriegsgefangenenlagern wurden in den ersten Jahren vor allem politische Gefangene interniert und zur Arbeit im lokalen Torfabbaugebiet gezwungen. Sie stammten überwiegend aus dem sozialistisch bzw. kommunistisch geprägten Ruhrgebiet und wurden durch das von einigen Insassen selbst komponierte Lied „Die Moorsoldaten“ zu einem Sinnbild des internationalen antifaschistischen Widerstandes. Das Lager XIV Bathorn wurde 1938 errichtet und war ursprünglich für 1.000 Häftlinge ausgelegt. Nach Kriegsbeginn 1939 wurden hier, wie in den anderen „Emslandlagern“, vor allem Kriegsgefangene aus der Sowjetunion und Frankreich sowie dessen Kolonien interniert. Mit über 4.000 Häftlingen wurde der Standort Bathorn in dieser Zeit allerdings weit über Kapazität belegt. Schwerstarbeit, unzureichende Ernährung und mangelhafte hygienische Verhältnisse in den Baracken forderten zahllose Opfer. Das Lager wurde 1945 von kanadischen Soldaten befreit und zu einem Auffanglager für Geflüchtete und Vertriebene umgebaut.

Programm

  • James Gregory Atkinson (Workshop)
  • James Gregory Atkinson ist bildender Künstler und Absolvent der Frankfurter Städelschule. Ausgehend von seiner bikulturellen deutsch afro-amerikanischen Herkunft, reagiert er in seiner multimedialen Praxis auf die extreme Unvollständigkeit offizieller Archive Schwarzer Menschen, ihren Erzählungen und Kulturen. Indem er auf die Geschichte von queeren Menschen und Schwarzen zurückgreift, sie bearbeitet, modifiziert und in einen Dialog mit der Gegenwart bringt, schafft er alternative Wege der Begegnung mit Vergangenheit. Sein Workshop zielt darauf ab, gemeinsam mit den Teilnehmenden kritische Strategien im Umgang mit etablierten Geschichtsschreibungen und klassischen Archiven zu entwickeln, um mit Hilfe von transnationalen und intersektionalen Narrativen das Spektrum der Erinnerungskultur aktiv zu erweitern.
  • Credit: Killa Schuetze
  • Juliane Bischoff (Workshop)
  • Juliane Bischoff arbeitet derzeit als Kuratorin am NS-Dokumentationszentrum München, wo sie u.a. die Ausstellung „Tell me about yesterday tomorrow“ (2019–2020) co-kuratierte. Zuvor war sie an der Kunsthalle Wien tätig, wo sie an Einzel- und Gruppenausstellungen wie „Kate Newby. I can’t nail the days down“ (2018) und „How to Live Together“ (2017) sowie diskursive Programme wie „Political Futures“ (2018) realisierte. Sie verfasst regelmäßig Beiträge für Publikationen und Ausstellungskataloge. Ihr Workshop beschäftigt sich mit der Frage, wie Kunst Wissen über Geschichte und ihre Bedeutung für die Gegenwart zugänglich machen kann. Dabei geht es um die Ästhetik von Erinnerungskultur sowie künstlerische Verfahren, die in bestehende Geschichtsbilder intervenieren oder zur kollektiven Auseinandersetzung anregen.
  • Credit: Orla Connolly
  • Talya Feldman (Workshop)
  • Talya Feldman ist Künstlerin und arbeitet im Bereich der zeitbasierten Medienkunst. Ihre Projekte, die sie gemeinsam mit Aktivist*innen und forschungsbasierten Netzwerken entwickelt, haben weltweite Anerkennung für die Bekämpfung rassistischer und antisemitischer Narrative erlangt. 2021 erhielt sie den DAGESH-Kunstpreis für ihre Klanginstallation „The Violence We Have Witnessed Carries a Weight on Our Hearts“ im Jüdischen Museum in Berlin, die im Rahmen der Summer School im Kloster Frenswegen zu sehen sein wird. Bei Gesprächen über rechten Terror konzentrieren sich Medienberichterstattungen und gesellschaftliche Debatten fast ausschließlich auf Täter*innen. Die Perspektive der Betroffenen und ihrer Angehörigen fehlt fast völlig. In ihrem Workshop leitet Talya Feldman die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu an, sich kritisch mit aktuellen medialen und politischen Strukturen auseinanderzusetzen, indem sie hinterfragen, was sie sehen – und was sie hören. Wie äußern sich Überlebende und Betroffene von rassistischen und antisemitischen Angriffen und wie aktivieren sie Widerstand? Auf welche Weise kämpfen sie für ein würdiges Gedenken im öffentlichen und privaten Raum?
  • Eugene Yiu Nam Cheung (Filmprogramm)
  • Eugene Yiu Nam Cheung ist Autor, Kritiker und Gründungsredakteur der Plattform für Institutionskritik Decolonial Hacker. 2021 gewann er den ersten Preis bei den Seventh International Awards for Art Criticism (IAAC). Er ist zur Zeit kuratorischer Assistent der Julia Stoschek Collection. Im Rahmen der Summer School kuratiert er ein Filmprogramm mit Werke von Künstler*innen, die sich mit der Entstehung und der Kontinuität faschistischer Strukturen in einem globalen Kontext auseinandersetzen.
  • Credit: Agustin Farias
  • Friedemann Heckel (Installation)
  • Friedemann Heckel ist Künstler und hat an der Universität der Künste Berlin studiert. Seine während der Summer School im Klostergarten installierten Sitzmöbel bieten jeweils mehreren Personen zeitgleich Platz. Ihre Gestaltung soll die Einzelnen aus ihrem solitären Dasein lösen und die Möglichkeit für einen Dialog, eine intime Diskussion oder die Rücksprache im kleinen Kreis schaffen. Damit bergen sie das Potential zu Ideen, Erkenntnissen oder Fragestellungen zu verhelfen, die sich allein oder in einer (zu) großen Gruppe, nicht ergeben.
  • Anna Langhoff (Lesung)
  • Anna Langhoff ist Autorin, Regisseurin und Dramaturgin. Ihre Theaterstücke, Hörspiele und Prosa wurden weltweit aufgeführt und in mehrere Sprachen übersetzt. Sie ist die Enkelin des Schauspielers und Regisseurs Wolfang Langhoff, der eines der sogenannten „Emslandlager“, das KZ-Börgermoor, überlebte und anschließend den berühmten Zeitzeugenbericht „Die Moorsoldaten“ verfasste. Aus diesem wird Anna Langhoff im Rahmen der Summer School Ausschnitte vorlesen und anschließend im Gespräch auf Bezüge zu aktuellen gesellschafts- und kulturpolitischen Debatten eingehen.
  • Kurt Buck & Roland Nachtigäller (Gespräch)
  • Kurt Buck ist Pädagoge und Historiker. Von 1985 bis 2019 leitete er das Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager (DIZ), das wesentlich zur Gründung der heutigen Gedenkstätte Esterwegen beitrug und eine wichtige Rolle bei der Aufarbeitung und Archivierung der Geschichte der lokalen Konzentrations-, Straf- und Kriegsgefangenenlager spielt.
  • Roland Nachtigäller ist Kunstwissenschaftler und Ausstellungsmacher. Zwischen 1999 und 2000 war er gemeinsam mit Martin Köttering für die Skulpturenroute „kunstwegen“ verantwortlich, in deren Rahmen auch „Ein Weg durch das Moor“ (1999) von Peter Fischli und David Weiss in Bathorn realisiert wurde. Seit 2022 ist er Geschäftsführer der Stiftung Insel Hombroich.
  • Credit: Marta Herford, Foto: theothercara
  • Gemeinsam sprechen sie über die Entstehung der Gedenkstätte sowie der Arbeit von Fischli und Weiss und setzen diese in einen Kontext mit den langwierigen Prozessen historischer Aufarbeitung in der Region und darüber hinaus.

Anmeldung

Die Anmeldung erfolgt per Mail unter Angabe der persönlichen Daten (Name, Adresse, Telefonnummer, Email, Art der Teilnahme) an: info@whatsartgottodowithit.de
Anmeldefrist: 31.05.2022

  • — Teilnahme an allen Veranstaltungen inkl. Übernachtung im Einzelzimmer und Vollpension in der Stiftung Kloster Frenswegen 300,00€/250,00€*
  • — Teilnahme an allen Veranstaltungen inkl. Übernachtung im Zweitbettzimmer und Vollpension in der Stiftung Kloster Frenswegen 230,00€/180,00€*
  • — Teilnahme an allen Veranstaltungen inkl. Mittag- und Abendessen (ohne Übernachtung) 150,00€/100,00€*
  • *Studierende, Auszubildende, Volontär*innen, Doktorand*innen, Praktikant*innen
Credit: a|w|sobott

Kontakt

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